Beitrag zum Thema: Finanzierung, Akzeptanz und Trägerschaften im Rahmen der Tagung : „Damit auch die Kinder zu Worte kommen, wenn es um ihr Schicksal geht...“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll vom 4.-5.2.98

Finanzierung

Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V setzt als „Anwalt des Kindes“ interdisziplinäre Zweierteams ein.

Diese Teams können auf verschiedene Weise abgerechnet werden.

Wenn „Anwalt des Kindes“ als Verfahrenspfleger in einem Gerichtsverfahren eingesetzt wird, wird nach den Regeln für berufsmäßige Pfleger mit einem angemessen hohen Stundensatz zuzüglich aller notwendigen Auslagen und Aufwendungen abgerechnet.

Entweder beauftragt das Gericht im Sinne des Angebots vom Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V. zwei Personen als interdisziplinäres Team gemeinsam als Verfahrenspfleger, oder das Gericht beauftragt eine sozialpädagogisch/psychologisch ausgebildete Person als Verfahrenspfleger - wissend, daß eine zweite juristisch ausgebildet Person von Anfang an hinzugezogen wird. Diese juristisch ausgebildete Person wird dann im Rahmen der notwendigen Auslagen abgerechnet. Notwendig sind diese Auslagen, weil nach dem Konzept des Vereins nur ein interdisziplinäres Team wirklich die Interessen des Kindes angemessen in das Verfahren einbringen kann.

Beide Abrechnungsweisen sind in Bezug auf den Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V. bereits praktiziert worden

In bezug auf vorgerichtliche Verfahren, bei denen sich ein Kind/Jugendlicher direkt an den Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V. gewendet hat, werden die entstandenen Kosten gegenüber dem Amt für soziale Dienste (Jugendamt) in Rechnung gestellt. Rechtsgrundlage hierfür ist das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) § 8 und § 18. Der Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V. geht davon aus, daß die Kinder/Jugendlichen einen eigenen Beratungs- und Vertretungsanspruch aus dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) herleiten können.

Dieser Anspruch kann auch durch freie Träger der Jugendhilfe verwirklicht werden und ist vom Amt für soziale Dienste (Jugendamt) zu tragen. Dazu ist es unseres Erachtens nicht notwendig, daß vorher eine Beauftragung durch das Amt für soziale Dienste (Jugendamt) erfolgt ist.

Allerdings ist in Hamburg durch das Amt für soziale Dienste (Jugendamt) bisher noch keine Rechnung des Vereins beglichen worden. Es wird aber zur Zeit darüber verhandelt, ob eine Art „Pflegesatzvereinbarung“ abgeschlossen werden kann.

Der Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V. strebt auch wieder darüber hinaus die Einrichtung einer Beratungsstelle „Anwalt des Kindes“ an, wie sie schon einmal als ABM-Projekt für drei Jahre von 1988-1991 bestand.

Die Beratungsstelle kann u.a. als Anlaufstelle dienen zur Prüfung der Frage, ob „Anwalt des Kindes“ zuständig ist und wie eine Interessenvertretung finanziert werden kann. Sie sollte aus Jugendplanmitteln eine Grundfinanzierung erhalten. Erstgespräche könnten dann unentgeltlich geführt werden.

Zur Zeit fordert der Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V für jedes Erstgespräch einen Betrag zur pauschalen Begleichung seiner Kosten.

Die Abrechnung der VerfahrenspflegerInnen erfolgt über den Verein. Er behält für seine Koordinations- und Betreuungsaufgabe 10 % der Honorarmittel ein.

Akzeptanz

Der Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V bietet den Gerichten und dem Amt für soziale Dienste (Jugendamt) an, vom ihm ausgebildete und erfahrene Personen als „Anwalt des Kindes“ einzusetzen.

Der Verein kennt die Personen, ihre speziellen Fähigkeiten und zeitlichen Kapazitäten. Er schlägt der anfordernden Stelle die entsprechenden Personen vor.

Die Gerichte und das Amt für soziale Dienste (Jugendamt) haben somit die Sicherheit, daß diese Personen auch höchsten Qualitätsansprüchen genügen und für den geraden angefragten Fall besonders geeignet sind.

Der Verein garantiert den hohen Standard, indem er mit allen von ihm zuvor ausgebildeten Personen, die er bereit ist einzusetzen und vorzuschlagen, laufend Kontakt hält. Das geschieht in vierzehntägigen Mitarbeiterbesprechungen. Dort werden die laufenden Fälle besprochen und neue Fälle vorgestellt und verteilt.

Auf den ersten Blick erscheint ein interdisziplinäres Team sehr kostenaufwendig. Aber die Kosten sind dann sehr schnell wieder dadurch eingespart, wenn durch diese hochqualifizierten Teams selbst hochstreitige Verfahren in relativ kurzer Zeit zu einem für alle Seiten befriedigendem Abschluß gebracht werden, mit dem alle Beteiligten leben können, besonders die Kinder/Jugendlichen.

Das gelingt unserer Meinung vor allem dadurch, daß die Mitglieder des Teams auf Grund der zusätzlichen Ausbildung von Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V in der Lage sind, einen guten Kontakt zu dem Kind/den Jugendlichen herzustellen. Das Kind/der Jugendlichen beauftragt das Team, seinen Willen und seine Wünsche eigenständig in das anhängige Verfahren einzubringen und dafür zu sorgen, daß die Entscheidung zu seinem Wohl durch Ämter oder Gerichte nicht gegen seinen erklärten Willen gefällt wird. Auch in den Fällen, in denen es am Anfang einen großen Unterschied gab zwischen den Absichten der Instanzen, die für das Wohl zuständig sind, und dem erklärten Willen des Kindes/Jugendlichen, ist es dem jeweiligen Team in allen Fällen ziemlich schnell gelungen, auch allen anderen Beteiligten deutlich zu machen, daß sie nicht gegen den erklärten Willen des Kindes/Jugendlichen eine Maßnahme zu seinem Wohl durchsetzen können. Alle haben sich dann konstruktiv und erfolgreich bemüht, eine Lösung zu finden, die auch dem Willen des Kindes/Jugendlichen entsprach.

Das ist unserer Meinung nach vor allem deshalb so erfolgreich möglich, weil auf Grund der entsprechenden Ausbildung das interdisziplinäres Team wirklich glaubhaft durch sein gesamtes Verhalten und seine Haltung deutlich macht, daß es nichts anderes als den erklärten Willen und die Interessen des Kindes/Jugendlichen vertritt und keine eigenständige Meinung über das Wohl des Kindes formuliert und in den Streit einbringt. „Anwalt des Kindes“, wie wir ihn verstehen, ist reiner Interessenvertreter des Kindes/Jugendlichen.

In fast allen Fällen, in denen „Anwalt des Kindes“ einsetzt worden ist, sowohl in den drei Jahren der Beratungsstelle wie auch später als interdisziplinäre Teams, sind die Fälle zu einem gütlichen Abschluß geführt worden, so daß auch vor allem die Partei befriedet war, die bislang durch ständige Anträge Unruhe und Verfahrenskosten verursacht hatte. (Es gab lediglich eine Ausnahme, bei der „Anwalt des Kindes“ allerdings auch keinen Kontakt zum Kind herstellen konnte.)

Nicht nur diese Kostenersparnis durch Befriedung rechtfertigt die anfänglich hoch erscheinenden Kosten für das interdisziplinäre Team, sondern vor allem die Tatsache, daß dadurch bestmöglich dem Grundsatz Rechnung getragen wird: Auch das Kind/der Jugendliche hat ein eigenständiges Interesse, das in einem anhängigen Verfahren bestmöglich vertreten werden muß. Kinder und Jugendliche dürfen nicht mehr länger Objekte - auch des Wohlwollens - der Erwachsenen sein. Sie sind Subjekte, auf deren Wünsche und Bedürfnisse die Erwachsenen Rücksicht zu nehmen haben.