Tagung: Anwalt des Kindes

Qualitätsanforderungen eines neuen Arbeitsfeldes

vom 3.2.-5.2.99 in Bad Boll

Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche - Praxisberichte

von Ute Kuleisa-Binge

Vorstellung

Ich arbeite seit über vier Jahren als vom Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V. in einem interdisziplinären Team eingesetzte „Anwältin des Kindes“. Ich bin Erzieherin mit langjähriges Praxis und leite einen privaten Kindergarten. Ich hatte vorher an der zweijährigen berufsbegleitenden Weiterbildung des Vereins Anwalt des Kindes in Hamburg e. V. teilgenommen.

Bislang habe ich gemeinsam im interdisziplinären Team mit einer juristisch vorgebildeten Person, die gleichfalls vom Verein ausgebildet worden ist, vierzehn Aufträge vom Gericht als Verfahrenspflegerin ausgeführt, davon allein sechs nach dem 1.7.98.

Dazu habe ich sehr viele Erstgespräche geführt. Diese führten teilweise zu Verfahrenspflegschaften im gerichtlichen Verfahren oder zu Vertretung in behördlichen Verfahren oder erledigten sich so, z.B. indem sich die streitenden Parteien allein schon durch unseren Einsatz als Team einigten, ohne jede weitere Einschaltung von Behörde und Gericht. Diese Einsätze wurden bislang nicht bezahlt, obwohl der Verein auch für den Einsatz in behördlichen Verfahren Rechnungen schreibt. Diese sind allerdings bisher in keinem Fall bezahlt worden. Der Verein wird noch durch hinhaltendes Vertrösten daran gehindert, den Klageweg zu beschreiten. Denn es besteht Vereinsinteresse an einer generellen Regelung mit den Behörden in Hamburg. Und eine solche Regelung ist in Aussicht gestellt worden.

Ich möchte kurz erläutern, wie wir arbeiten und wie wir eingesetzt werden.

Selbstverständnis des Tandems

Wir arbeiten, wie ich schon gesagt habe, als Tandem: eine juristisch und eine pädagogisch/psychologisch ausgebildete Person arbeiten gleichberechtigt zusammen. Wir lehnen uns damit an das englische Modell an.

Ganz wichtig ist uns, daß wir durch diese Arbeitsweise in ständiger „gegenseitiger Supervision“ stehen. Dadurch ist eine ständige Kontrolle gewährleistet, daß wir beim Kind bleiben und nicht von den vielen Erwachsenen vereinnahmt werden. Somit ist es auch möglich, daß Entstehen von Rettungs- und Größenphantasien ( von den Prof. Fegert sprach) zu verhindern. Weiter sind wir so immer in der Lage, an zwei Orten präsent zu sein, z.B. bei einer Gerichtsverhandlung: Die juristisch vorgebildete Person wohnt der Verhandlung bei, die pädagogisch vorgebildete bleibt beim Kind auf dem Flur. Danach können wir ganz gezielt dem Kind vermitteln, was im Gerichtssaal gelaufen ist - je nach Alter des Kindes.

Wir versuchen grundsätzlich dem Kind das Verfahren, die einzelnen Schritte und die verschiedenen Möglichkeiten zu erläutern und durchschaubar zu machen.

Unser Selbstverständnis als „Anwalt des Kindes“ ist: Sprachrohr zu sein für das, was das Kind in das es betreffende Verfahren einbringen und was es berücksichtigt haben will. Wir lassen uns dafür ausdrücklich vom Kind beauftragen und versichern ihm, daß wir nichts unternehmen werden, was wir nicht mit ihm abgesprochen haben und dem es nicht ausdrücklich zugestimmt hat.

Dieses Selbstverständnis kennt auch das uns einsetzende Gericht. Und dieses Selbstverständnis vermitteln wir auch allen anderen am Verfahren Beteiligten.

Wir hören oft vom Kind: „Ihr seid die ersten, die meine Wünsche und meinen Willen ernst nehmen. Ich habe schon so oft gesagt, was ich will, aber die anderen Erwachsenen haben doch immer gemacht, was sie wollten und für richtig hielten“.

Wir machen auch keine Detektivarbeit, sondern schlagen in speziellen Fällen (Verdacht auf sexuellen Mißbrauch) eine fachliche Begutachtung vor.

Wir wollen keine dritte Instanz für das Wohl des Kindes sein. Hierfür ist schon das Jugendamt und das Gericht zuständig.

Erste Schritte nach dem Einsatz durch das Gericht

Es gibt in der Regel zwei Wege, wie wir als „Anwalt des Kindes eingesetzt werden:

Das Familiengericht wendet sich an den Verein Anwalt des Kindes in Hamburg e. V..

In den vierzehntäglich stattfindenden Gruppengesprächen (Mitarbeiterrunde) wird besprochen, wer den Fall übernehmen will, wer es sich zutraut und wer den dafür voraussichtlich notwendigen Zeitaufwand aufbringen kann. Ein Tandem wird zusammengestellt und dem Gericht durch den Verein vorgeschlagen.

Nach der Bestellung erfolgt Akteneinsicht und Erstkontakt zu dem zu vertretenden Kind. Der Erstkontakt findet je nach Alter des Kindes mit oder ohne Bezugsperson in der vom Kind gewünschter Umgebung statt.

Erstgespräch

Das Wichtigste in diesem Erstgespräch ist, unsere Rolle ganz klar darzulegen. Wir kommen zwar vom Gericht, sind aber nur und ausschließlich für das Kind da und dafür, seinen Willen und seine Wünsche in das Verfahren in geeigneter Weise einzubringen.

Wir stellen jedem Kind frei, zu entscheiden, ob es sich vorstellen kann, mit uns zusammenzuarbeiten oder nicht. Wenn nicht, ist es auch in Ordnung und wir teilen dieses dem Gericht mit. (Was aber bisher noch nicht nötig gewesen ist.)

Diese Grundhaltung: in dem anhängigen Verfahren Sprachrohr des Kindes zu sein, müssen wir auch allen anderen Beteiligten am Verfahren glaubhaft vermitteln. Erst dann öffnen sich die Türen, Ohren und Herzen, und unsere Arbeit kann zu einem guten Ergebnis führen.

Bei einem meiner ersten Fälle vor vier Jahren endete die Zusammenarbeit mit dem Kind abrupt, nachdem wir unsere eben beschriebene Rolle verlassen hatten und mehr unsere Sicht von seinem Wohl als den geäußerten Willen des Kindes im Auge hatten. Wir hatten große Probleme damit, den geäußerten Kindeswillen zu vertreten, da wir schlimme Konsequenzen für die seelische Entwicklung des Kindes befürchteten. Aber allein dadurch, daß wir dem Kind durch einen alternativen Vorschlag zeigten, daß wir seinen Willen nicht unterstützten, war die Vertrauensbasis so gestört, daß das Kind nichts mehr mit uns zu tun haben wollte. Es setzte seinen Vorschlag alleine bei Gericht durch.

Vertretung des Kindes

Kommt es zu einer Zusammenarbeit mit dem Kind, dann folgen je nach Fall etliche Treffen mit dem Kind, gegebenenfalls auch mit anderen Institutionen: Jugendamt, Schule usw. sowie mit den Elternteilen, bzw. Bezugspersonen. Es erfolgt immer eine Rückmeldung an das Kind.

Erst wenn wir vom Kind klare Äußerungen von seinen Vorstellungen und Wünschen haben, geben wir diese an das Gericht weiter. Von Fall zu Fall erarbeiten wir gemeinsam mit dem Kind Vorschläge, wie seine Vorstellungen und Wünsche am besten umgesetzt werden können (z.B. bei Besuchsregelungen) und wir verhandeln diese dann mit den betreffenden Erwachsenen. In allen Fällen, in denen wir einen Auftrag durch das Kind erhalten haben, ist es uns gelungen, eine Regelung zu finden, mit denen alle leben konnten. Es konnte eine Art Rechtsfrieden - Abwesenheit von gerichtlichem Streit - erreicht werden

Auch nach Verfahrensende halten wir mit den Kindern noch solange Kontakt, wie sie es wünschen und wir es für erforderlich halten, z.B. bis absehbar ist, daß die erreichte Regelung die Erwartungen erfüllt. Auf jeden Fall informieren wir die Kinder, daß sie sich jederzeit selbst an den Verein wenden können, wenn sie erneute Vertretung durch uns für notwendig halten.

Das Kind oder eine Bezugsperson meldet sich beim Verein

Der zweite Weg ist für uns viel einfacher, wenn sich das Kind oder eine Bezugsperson beim Verein telefonisch melden. Sie brauchen dann nicht für eine Zusammenarbeit mit uns geworben werden. Sie werden zu diesem Erstgespräch in die Räume des Verein eingeladen

Erstgespräch

In diesem Erstgespräch klären wir die Frage, wer uns einschalten will: Das Kind oder die mitkommende Bezugsperson. Wir klären gleich zu Beginn, daß wir nur die Vertretung des Kindes übernehmen werden. Wenn wir überzeugt sind, daß das Kind möchte, daß wir es vertreten, erörtern wir mit ihm die Möglichkeiten, was getan werden kann, daß wir vom Gericht als sein Vertreter in dem anhängigen Verfahren eingesetzt werden.

Es besteht die Möglichkeit, daß seine mitanwesende Bezugsperson einen entsprechenden Beschluß bei Gericht anregt, daß wir solches tun oder daß das Kind selber an das Gericht schreibt. Manchmal entscheidet sich das Kind für das letztere, was uns sehr recht ist.

Dieser Weg, wie wir eingeschaltet werden, kommt immer häufiger vor.

Ein Verfahren vor Gericht erübrigt sich

Es gibt auch Fälle, bei denen sich ein Gerichtsverfahren erübrigt.

Das geschieht häufig dann, wenn wir nach einem Erstgespräch auch mit dem anderen Elternteil sprechen können und in diesem Gespräch den Wunsch ihres Kindes erläutern, das sich an uns gewandt hatte. Dann hören wir häufig: „Wenn Sie mir das sagen, glaube ich das. Bisher habe ich immer gedacht, diese Wünsche seien von meiner/m früheren PartnerIn“.

In diesen Fällen wird unser Einsatz leider noch nicht vergütet, da wir kein Geld von einer Partei nehmen.

Das geschieht, obwohl diese Lösung die beste für das Kind ist, denn jeder langdauernde Streit ist für das Kind schädlich. Auch diese Lösung die billigste für die öffentlichen Kassen.