Jugendämter: "Die Wahrheit liegt bei den Kindern"

Kindern, die von Gewalt oder Missbrauch erzählen, wird oft nicht geglaubt, sagt Kinderrechtsanwalt von Bracken. Weil Gesellschaft und Ämter nichts davon wissen wollen.

Interview: Karsten Polke-Majewski Original: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/jugendaemter-kindesmissbrauch-gewalt-kinderpornografie-eltern-kinderrechtsanwalt

Jugendämter: Kinder sagen auch etwas, wenn sie nichts sagen. Davon ist Rudolf von Bracken überzeugt.

Kinder sagen auch etwas, wenn sie nichts sagen. Davon ist Rudolf von Bracken überzeugt. © Nicolas Armer/​dpa

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Die Kanzlei von Rudolf von Bracken liegt gleich hinter dem Hamburger Hauptbahnhof im Stadtteil St. Georg im ersten Stockwerk eines Altbaus. Im Empfang hängt statt dekorativer Kunst ein Plakat von Amnesty International. In einem Nebenraum stehen Plüschtiere und Spiele für die jüngsten Mandantinnen und Mandanten bereit.

Von Bracken sitzt hinter einem mächtigen Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem sich rechts und links die Fallakten bedrohlich stapeln. Der Anwalt trägt Jeans und einfache Sportschuhe zum Hemd. Er spricht leise, fast schon behutsam.

ZEIT ONLINE: Herr von Bracken, Sie setzen sich seit mehr als dreißig Jahren für gefährdete Kinder ein, für Opfer von Misshandlungen und Missbrauch, und wollen ausdrücklich ein Anwalt der Kinder sein. Warum?

Von Bracken: Weil die Gesellschaft nicht hören will, was Kinder zu sagen haben und sie jemanden brauchen, der ihnen Gehör verschafft. Man spricht so oft von der heilen Familie und davon, wie gut es Kindern heutzutage geht. Aber wir wissen auch, dass die Familie für Kinder der gefährlichste Ort der Welt sein kann. Und gerade dort, wo Kindern die Gewalt am nächsten ist, ist die Not am größten und das Recht am fernsten.

Rudolf von Bracken – der Familienanwalt aus Hamburg nennt seine Kanzlei auch Büro für Kinderrechte und Opferschutz. © privat

ZEIT ONLINE: Eigentlich sind Jugendämter genau dazu da, Kindern in Not zu diesem Recht zu verhelfen. Warum funktioniert das oft nicht?

Von Bracken: Das Kernproblem ist: Niemand spricht wirklich mit den Kindern. Ich habe so viele katastrophale Kinderschutzfälle erlebt. Missbrauchsfälle, wo Kinder nach Hilfe gesucht haben, aber keiner ihnen geholfen hat. Und als anderes Extrem überzogene Jugendamtsinterventionen, bei denen Kinder gegen ihren Willen von ihren Eltern oder auch guten Pflegestellen und sonstigen stationären Einrichtungen weggenommen und dann von Heim zu Heim geschickt wurden. Im Nachhinein kann man gegen solche Dinge rechtlich vorgehen, das ist unter anderem mein Job als Anwalt. Das Problem beginnt aber schon viel früher. Da wird weggesehen, übersehen, werden die Augen zugekniffen. Oder das Kind wird zum Objekt, über das Eltern und Behörden streiten. Solche Fälle enden oft katastrophal. Dagegen hilft nur hinzuschauen und den eigenen Unglauben gegenüber dem zu überwinden, was Kinder erzählen.

ZEIT ONLINE: Zugleich sagen Sie, Jugendämtern und deren Mitarbeitenden werde zu wenig Respekt entgegengebracht. Wie passt das zusammen?

Von Bracken: Alle Institutionen, auch Jugendämter, bilden die Gesellschaft ab, so wie sie ist, und handeln in deren Auftrag. Der Auftrag, den die Gesellschaft Jugendämtern erteilt, scheint manchmal zu sein: Problemfälle möglichst unauffällig zu erledigen, mit denen sich die Gesellschaft nicht auseinandersetzen will. Wenn wir also mit dem Finger auf das Jugendamt weisen und beklagen, wie schlecht es arbeitet, dann weisen drei Finger auf uns zurück.

Die Gesellschaft will sich mit den harten Themen nicht beschäftigen, um die es hier geht: Gewalt, Missbrauch, manchmal sogar Menschenhandel und Kinderpornografie. Das ist das eigentliche Strukturproblem, das wir haben: Wir wollen das nicht hören. Deshalb wird einem Kind, das solche Dinge erlebt, oft nicht geglaubt – auch nicht im Jugendamt, denn das ist eben auch Teil dieser Gesellschaft.

Wer einfache Antworten erwartet, ist bei Rudolf von Bracken falsch. Er mag keine Zuspitzungen, keine Vereinfachungen. Sein Bild der Lage ist komplex. Von Bracken ist in einem Pfarrhaus aufgewachsen, dort ging es oft um Gerechtigkeit, um Anstand, und darum, wie man den Schwachen beisteht. Im Studium setzte er sich besonders mit den Grundrechten auseinander, mit Freiheitsrechten und den universellen Menschenrechten.

ZEIT ONLINE: Wenn hierzulande über die Qualität der Kinder- und Jugendhilfe debattiert wird, geht es meist um besonders dramatische Fälle. Um das Mädchen, das vom Jugendamt bei einem Dauercamper im nordrhein-westfälischen Lügde untergebracht wurde, der es sexuell missbrauchte. Um den Jungen aus Staufen in Baden-Württemberg, der von seinen Eltern an andere Männer verkauft wurde. Dann empört sich die Öffentlichkeit: Wie konnte ein Jugendamt diese Missstände übersehen?

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"Das Gesetz sagt: Hilfe vor Wegnahme"

Von Bracken: Jugendämter können katastrophale Entscheidungen treffen, handeln oder nicht handeln, eingreifen oder nicht eingreifen. Zugleich gibt es dort aber auch fantastische Leute. Eigentlich müssten die für den Fall verantwortlichen Fachkräfte im Jugendamt mindestens das Sozialprestige eines Tatort-Kommissars haben. Die Gesellschaft muss ihnen viel mehr Wertschätzung entgegenbringen. Denn die Einmischung des Staates in das Familienleben ist im Grunde doch eine unheimliche Anmaßung. Es muss ein echter Notfall vorliegen, um das zu rechtfertigen. Und dies sind die Leute, die darüber entscheiden müssen. 

Aber die Ausstattung und Qualifikation der Leute muss besser werden. Gute Leute sind ausgebrannt, andere melden sich krank. Ich habe Angst, dass das System erodiert.

ZEIT ONLINE: Sicherlich leisten viele Jugendamtsmitarbeiter gute Arbeit. Dennoch erleben betroffene Familien das Amt häufig auch als autoritär und übergriffig. Da sucht eine Mutter beispielsweise nach Hilfe, weil sie ihr Kind nicht allein versorgen kann. Doch statt sie zu unterstützen, wird ihr das Kind weggenommen. Das zerstört nicht nur das Vertrauen bei der Mutter, sondern auch beim Kind und bei dessen Freunden und Schulkameraden, die alle den Eindruck bekommen: Das Jugendamt klaut Kinder.

Von Bracken: Das ist der Klassiker. Das Gesetz sagt: Hilfe vor Wegnahme. Die Frage ist also: Wie viel Aufwand wird getrieben, um eine problematische Familiensituation ambulant zu unterstützen?  Der alleroberste Grundsatz muss sein, dass das Jugendamt Kontakt mit den Kindern aufnimmt und mit ihnen selbst die Lage bespricht. Dazu muss man die Familie notfalls unangekündigt besuchen. Doch das wird oft nicht gemacht.

Das Tragische daran ist: Auf diese Weise kommen die Lösungsideen der Kinder fast nie zur Geltung. Aber die Kinder sind die einzigen, die ihre Situation überblicken. Papa und Mama leben in ihrer eigenen Welt und sind oft in Beziehungskonflikte verstrickt. Das Jugendamt schaut von außen darauf und spricht dann nur mit den Eltern. Dann fallen die Mitarbeitenden auf starke Väter herein, die sich hervorragend ausdrücken können und auf bedrängte Mütter, die jämmerlich sind in der Selbstdarstellung, gerade wenn Gewalt im Spiel ist. Aber die Wahrheit, die liegt bei den Kindern. Und wenn Kinder nichts sagen, dann sagen sie damit auch etwas.

Wenn man aber nicht mit den Kindern spricht, dann findet man nie die Quelle der Gefährdung. Die Lösung muss mit dem Kind funktionieren. Sie können ein Kind in Obhut nehmen, aber wenn das die falsche Lösung war und das Kind ist zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt, dann rennt es einfach weg. Wenn sich die Eltern nicht einig werden, dann geht das Kind weder zu Mama noch zu Papa, sondern möchte in eine Wohngruppe oder bleibt einfach am Hauptbahnhof. Das muss nicht heißen, dass die Kinder immer die Regeln machen sollen. Aber ohne Kinder gibt es kein Kindeswohl.

Der Hamburger Stadtteil St. Georg, in dem von Brackens Kanzlei liegt, ist ein raues Pflaster, Drogen, Prostitution, "mitten im Leben" sei man dort, sagt er. Der Einsatz für den Kinderschutz, heute "mein Lebenszweck", ist ihm erst über die Jahre ans Herz gewachsen. Nach dem Studium arbeitete er zunächst für eine Versicherung. Irgendwann setzte er eine Anzeige in die Hamburger Rundschau, eine kleine linke Wochenzeitung: Jurist sucht sinnvolle Arbeit. So rutschte er in die Selbstverwaltungsszene, vertrat Hausbesetzer, half bei der Legalisierung von selbstverwalteten Wohngruppen. Mit einem Pastor und einem Psychologen zusammen gründete er 1987 den Verein "Anwalt des Kindes". So kam er auf die Kinderrechte. 1997 wurde von Bracken Fachanwalt für Familienrecht. Aus der Kanzlei wurde zusätzlich ein Büro für Kinderrechte und Opferschutz.

ZEIT ONLINE: Viele Fachleute befürchten in diesen Tagen, dass die Kontaktbeschränkungen der Corona-Krise Kinder besonders gefährden, ohne dass es jemand mitbekommt.

Von Bracken: Bislang spüre ich davon noch nicht viel. Ich gehe davon aus, dass die schweren Kinderschutzfälle erst in den kommenden Monaten zu mir kommen werden. Viele Kinder finden unter den beengten Lebensverhältnissen ja gar keinen Moment der Ruhe, um überhaupt auch nur eine Hilfe-Hotline anzurufen.

Wo sich aber gerade viel verändert, sind die Trennungsfälle. Wenn Kinder zerrissen werden in einem Loyalitätskonflikt zwischen ihren Eltern, und die Eltern die Kinder im Streit instrumentalisieren, ist das oft eine große Kindeswohlgefährdung. Doch jetzt wird das Leben der Familien, das ganze Tagesprogramm der Kinder plötzlich nicht mehr vom Staat organisiert. Die Eltern haben kein Problem mehr mit Umgangszeiten, sondern mit Betreuungszeiten – und sie haben oft gar keine Kraft mehr, über den Umgang zu streiten. Was macht man denn, wenn das Kind am Wochenende beim Vater war, der es sonst montags in der Schule abgibt, damit sich die Eltern bei der Übergabe nicht begegnen, wenn keine Schule mehr stattfindet? Und wenn dann auch noch die Familiengerichte weitgehend stillstehen? Da bin ich gerade hauptsächlich Vernunftsberater.